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Orthorexie: Wenn gesund essen zum Zwang wird

Grüner Apfel mit Maßband und Kumquat-Frucht. Auf einem Notizzettel steht "ab heute gesund" geschrieben.

Gesund essen ist für unsere Gesundheit wichtig, allerdings darf das Essen nicht unser Leben bestimmen. Bild: mihi/fotolia

Bei dieser Essstörung bestimmen selbst auferlegte Regeln rund ums gesunde Essen den gesamten Tagesablauf. Mit Selbsttest zur Orthorexie.

Wir essen, um satt zu werden. Wir essen bestimmte Lebensmittel, weil wir sie gerne mögen. Doch was ist, wenn das Essen unser Leben bestimmt und allein unser Körper für das eigene Glück oder Unglück verantwortlich ist? Dann ist die Fixierung auf das Essen (oder Nicht-Essen) zu stark. Es bestimmt den Tagesablauf, die Gefühle, die privaten und beruflichen Entscheidungen der Betroffenen. Man spricht von einer Essstörung. Diese hat gravierende Folgen und muss dringend professionell behandelt werden.

Im Wesentlichen werden drei Hauptformen unterschieden:

  • Magersucht (Anorexia nervosa)
  • Bulimie (Bulimia nervosa)
  • Binge-Eating-Störung (Binge Eating Disorder)

Die drei klassischen Essstörungen sind nicht immer klar voneinander abzugrenzen. Zum Teil existieren auch Mischformen. Ob es sich beim orthorektischen Ernährungsverhalten um eine weitere Essstörung handelt, wird derzeit noch diskutiert.

Orthorexie - eine Essstörung?

Orthorexie bedeutet übersetzt so viel wie "richtiger Appetit". Die Betroffenen zwingen sich zu gesunder Ernährung und haben Angst, durch ungesunde Ernährung krank zu werden. Sie definieren dabei selbst, was für sie als gesund gilt. Während einige auf einzelne Lebensmittel (z.B. kein Haushaltszucker) verzichten, streichen andere ganze Lebensmittelgruppen und essen nur noch Rohkost. Ebenso können bestimmte Zubereitungsarten oder fixe Zeitpläne (z.B. nach 18 Uhr nichts mehr essen) zur Mahlzeiteneinnahme das zwanghafte Verhalten prägen.

Auch wenn sich das orthorektische Ernährungsverhalten unterschiedlich darstellt, gibt es doch Gemeinsamkeiten: Meist wird die subjektive Definition gesunder Ernährung im Verlauf strenger. Damit werden die "erlaubten" Lebensmittel nach und nach weiter reduziert. Dies birgt die Gefahr einer Unterversorgung mit lebensnotwendigen Nährstoffen. Eine Mangelernährung kann die Folge sein. Die Betroffenen sind meist sehr streng mit den von ihnen aufgestellten Ernährungsregeln. Ein Verstoß führt dazu, dass sie sich schuldig fühlen und für ihr Versagen schämen. Probleme im sozialen Miteinander sind oftmals vorprogrammiert.

Orthorexie - wer ist betroffen und wieviele?

Es wird geschätzt, dass etwa ein bis drei Prozent der deutschen Bevölkerung ein orthorektisches Ernährungsverhalten zeigen. Dabei sind überwiegend jüngere Frauen betroffen. Eine aktuell durchgeführte Studie an der Universität Göttingen belegt, dass vor allem sportlich aktive Frauen - insbesondere Intensivsportlerinnen - ein orthorektisches Verhalten zeigen. Mittlerweile gibt es auch Kinder, die von Orthorexie betroffen sind, wenn sich ihre Eltern entsprechend ernähren. 

Orthorexie - praktische Fallbeispiele

Lesen Sie im Folgenden Beispiele orthorektischen Ernährungsverhaltens:

  • 28-jährige, stark unterernährte Patientin, die nur Pflanzensamen verzehrte, da diese ihrer Überzeugung nach die natürlichsten Lebensmittel seien. Nach eigenen Aussagen hatte sie nicht das Ziel, Gewicht zu verlieren.
  • 26-jährige Studentin, deren Essverhalten durch die gezielte Auswahl und Kombination gesunder Lebensmittel charakterisiert ist. Ernährung nach strengem Zeitplan mit komplexen Ernährungsregeln, in denen für jedes der untereinander abhängigen Zeitfenster genau definiert ist, welche Lebensmittel wann und in welcher Kombination gegessen werden dürfen.
  • Vierjähriger Junge, der unter Wassermangel litt, weil seine Eltern ihm eine bestimmte Ernährungsweise auferlegten.

Orthorexie - Selbsttest

Der amerikanische Arzt Steven Bratman hat einen Selbsttest entwickelt, mit dem sich abschätzen lässt, ob sich jemand zwanghaft um eine gesunde Ernährung bemüht:

  • Denken Sie mehr als drei Stunden am Tag über Ihre Ernährung nach?
  • Planen Sie Ihre Mahlzeiten mehrere Tage im Voraus?
  • Ist Ihnen der ernährungsphysiologische Wert Ihrer Mahlzeit wichtiger als die Freude an deren Verzehr?
  • Hat die Steigerung der angenommenen Lebensmittelqualität zu einer Minderung Ihrer Lebensqualität geführt?
  • Sind Sie in letzter Zeit strenger mit sich geworden?
  • Verzichten Sie auf Lebensmittel, die Sie früher gerne gegessen haben, um sich nun "richtig" zu ernähren?
  • Steigert sich Ihr Selbstwertgefühl durch gesunde Ernährung?
  • Schauen Sie auf andere herab, die dies nicht tun?
  • Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie von Ihrer Diät abweichen?
  • Sind Sie durch Ihre Essensgewohnheiten sozial isoliert?
  • Wenn Sie sich gesund ernähren, fühlen Sie sich dann glücklich, dass Sie alles unter Kontrolle haben?

Eine Orthorexie hält Bratman für möglich, wenn vier oder mehr Fragen mit "ja" beantwortet werden.

Orthorexie - was nun?

Bisher existieren weder Leitlinien zur Therapie einer Orthorexie noch ein Behandlungsplan. Bestehen Zweifel, ob das eigene Essverhalten oder das eines Freundes/ eines Angehörigen "normal" ist, sollte ein Psychotherapeut mit Spezialisierung auf Essstörungen um Rat gefragt werden. Hat der Betroffene extrem an Gewicht oder Leistungsvermögen verloren, ist eine ärztliche Behandlung notwendig.

Weitere Informationen bei Essstörungen

Ansprechpartner bei Essstörungen finden:

Eine zwanglose und ausgewogene Lebensmittelauswahl, bei der auch mit bewusste aber genussvolle "Sünden" erlaubt sind, sollte unser Ernährungsverhalten prägen.

Autorin: Yvonne Dommermuth, Koblenz