IN FORM

"Lernen mit und beim Essen und Trinken"

Dr. Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), sprach mit der IN FORM Redaktion über die Bedeutung von Ernährungsbildung und gesundem Schulessen für Kinder und Jugendliche.

Frau wird interviewr. Im Hintergrund Tafel mit Schriftzug NQZ.
Dr. Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ). Bild: BLE

Die Ausgangslage in Deutschland: Über sechs Millionen Kinder und Jugendliche nutzen Ganztagsangebote in Kindertagesstätten und Schulen. Die Ansprüche an eine gute Essensversorgung für Kinder und Jugendliche, egal welche Kita oder Schule sie in Deutschland besuchen, steigen.

Daneben wird die Forderung nach gleichzeitigem Vermitteln von Ernährungswissen und Wertschätzen der Lebensmittel laut. Das gesamte Essverhalten auch im späteren Leben wird davon beeinflusst, was Kinder zu essen "gelernt" haben, was sie über die Herkunft der Lebensmittel, ihre Zubereitung und unsere Esskultur wissen.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat ein 2016 das Nationales Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung eingerichtet. Dr. Anke Oepping ist die Leiterin des Qualitätszentrums.

 

Frau Dr. Oepping, welche Bedeutung hat Ernährungsbildung für Kinder und im gesellschaftlichen Kontext?

Dr. Anke Oepping: Ernährungsbildung hat eine große Bedeutung für jeden einzelnen Menschen, weil sie sich mit Handlungen beschäftigt, die Menschen täglich mehrfach ausüben und ohne Essen und Trinken kommt niemand aus. Daher übt Erlerntes – formal wie informell – einen großen Einfluss auf die Fähigkeiten des Menschen im Umgang mit der eigenen Ernährung aus und stellt Weichen für das persönliche Wohlergehen, die Gesundheit und Lebensqualität. Das Wissen und Handeln sind erklärte Ziele einer "guten" Ernährungsbildung. Das Wissen und Handeln beschränkt sich aber nicht nur auf das persönliche Umfeld, Ernährungsbildung hat auch weitreichenden Einfluss auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Hier sind einerseits die volkswirtschaftlichen Kosten für ernährungsmitbedingte Erkrankungen zu nennen, aber auch die lokalen und globalen Auswirkungen der Ernährung auf Existenz- und Agrarstrukturen und den Handel. Zwischen diesen Ebenen des persönlichen Wohlergehens im Umgang mit Essen und Trinken und der gesellschaftlichen Ebene darf aber auch nicht vergessen werden, dass Essen und Trinken für Menschen von jeher ein sozialer Akt ist. Essen und Trinken ist Begegnung, Austausch und ist für Kinder und Heranwachsende eine gute Gelegenheit für Sozialisation und das Hineinwachsen in eine Kultur.

Was sollte aus Ihrer Sicht in Kindertagesstätten und Schulen verändert werden?

Dr. Anke Oepping: Es wäre wünschenswert, dass Kitas und Schulen einerseits ihre Verantwortung für die Gesundheit, die Lern- und Leistungsfähigkeit und andererseits ihre Bildungsverantwortung im Handlungsfeld Ernährung stärker wahrnehmen. Konkret heißt das, dass die Auswahl und Qualität des Essens stimmen muss und dass das Essen und Trinken in ein pädagogisches Konzept, in eine Esskultur in der Kita bzw. der Schule eingebettet ist. Eine Bildungsverantwortung besteht nach meiner Auffassung auch für das informelle Ernährungslernen, nämlich das Lernen mit und beim Essen und Trinken. Mit jedem Bissen, mit jeder Mahlzeit, mit jedem Pausenbrot findet auch Bildung statt. Dazu gehören Sinnesbildung und Geschmacksgewöhnung ebenso wie das Hineinwachsen in eine Kultur der Pausen- und Mahlzeitengestaltung und beispielsweise Kenntnisse über das, was ich esse und wie es hergestellt wurde, welche Bedeutung es für meinen Körper, die Umwelt, etc. hat. Das Alltagshandeln kann dann durch eine altersgerechte Aufbereitung von Wissen ergänzt werden. Die Verantwortung in dieser Form zu übernehmen heißt dann aber auch, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie beispielsweise die Mittagsversorgung gestaltet ist und was es zu essen gibt.

Sollten bundesweit einheitliche Standards wie die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Kita- und Schulverpflegung vorgegeben und für alle verbindlich festgeschrieben werden?

Dr. Anke Oepping: Ja, die DGE-Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung bilden eine Mahlzeitenversorgung in der Gemeinschaftsgastronomie ab, die aus fachwissenschaftlicher Sicht für die jeweilige Altersgruppe an das angepasst ist, was diese Menschen brauchen, damit ihre körperliche und geistige Entwicklung, Lern- und Leistungsfähigkeit und Gesundheit gewährleistet ist. Sie bilden damit eine sichere und verlässliche Grundlage für das Wahrnehmen von Verpflegungsverantwortung. In der Verantwortung für Kinder und Jugendliche ist es unbedingt notwendig, eine solche Orientierung bereit zu stellen, denn welcher Träger und welche Kita- oder Schulleitung wäre in der Lage, eine solche altersgerechte Verpflegung selbst zu definieren? Eine Verbindlichkeit sehe ich insofern für notwendig an, weil ich der Meinung bin, dass Kinder in Deutschland ein Recht auf eine entsprechende Versorgung haben, egal in welche Kita oder Schule sie gehen. Hier dürfen keine Unterschiede gemacht werden. Deshalb ein "Ja" zu bundesweit einheitlichen Standards und auch ein "Ja" zu den Qualitätsstandards der DGE.

Und gibt es auch ein "Ja" zu einem "Standard"-Verpflegungssystem, mit dem sich die DGE-Qualitätsstandards optimal umsetzen lassen?

Dr. Anke Oepping: Mit allen am Markt gängigen Verpflegungssystemen – von Frischküche bis Warmverpflegung – lassen sich die beschriebenen Qualitäten umsetzen. Die Zubereitung von Mahlzeiten in einer Frischküche ist sicherlich wünschenswert, aber als Standard in Kitas und Schulen in Deutschland fernab der Realität. Dort, wo die Zubereitung von Mahlzeiten in einer Frischküche realisierbar ist, ist dieses System zu unterstützen, jedoch kann eine ernährungsphysiologisch ausgewogene, sensorisch ansprechende und ökologisch vertretbare Mahlzeitenherstellung auch mit anderen Küchensystemen gut erreicht werden. Auch eine Frischküche ist kein Garant für ein gutes Essen, wenn sie nicht professionell genutzt und betrieben wird. Entscheidender ist in meinen Augen eine sachliche Analyse der vorhandenen organisatorischen, technischen und finanziellen Möglichkeiten auf der Ebene der Träger, der Kitas und Schulen und die professionelle und engagierte Nutzung der Möglichkeiten durch den Essensanbieter. Wenn die Möglichkeiten es nicht hergeben, den angestrebten bundesweit einheitlichen Standard zu erreichen, gilt es, Spielräume für Qualitätsverbesserungsmaßnahmen wahrzunehmen und zu ergreifen. Hier ist eine Beratung und Unterstützung notwendig, die von den Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung bereits seit Jahren durchgeführt wird und die es zu stärken gilt. Das NQZ nimmt diesen Auftrag wahr, um Kindern, Jugendlichen und Eltern zu gewährleisten, dass sie in jeder Kita und Schule in Deutschland gut versorgt werden.

Die Forderung nach einer kostenfreien Verpflegung für Kinder in Kitas und Schulen hört sich sehr verlockend an. Halten Sie das für realistisch?

Dr. Anke Oepping: Auf den ersten Blick klingt eine kostenfreie Verpflegung verlockend, aber genauer betrachtet birgt sie einige Stolperfallen. Hier seien nur einige Aspekte genannt, zum Beispiel, dass kostenfreies Essen kein Garant für Qualität und eine bessere Akzeptanz ist und damit der Lebensmittelverschwendung Tür und Tor geöffnet sein kann, weil das Essen ja nicht vom Kunden bzw. den Eltern bezahlt werden muss. Erhebungen zeigen, dass bei Umfragen zur Akzeptanz der Preis nicht an erster Stelle der Kriterien steht. Infrage gestellt wurde auch der Nutzen für die soziale Gerechtigkeit, da die finanziellen Unterstützungen, die bereits derzeit zur Verfügung stehen, nicht ausgeschöpft werden. Als nachahmenswertes Beispiel wird immer wieder die kostenfreie Verpflegung in skandinavischen Ländern angeführt. Allein die Freistellung von den Kosten zu fordern ist aber zu einseitig gedacht, das bestätigen auch die finnischen Sachverständigen: kostenfreie Schulverpflegung in Finnland ist ein Ergebnis im Kontext historischer, juristischer, volkswirtschaftlicher, pädagogischer und kultureller Aspekte. Auch vor dem Hintergrund des Föderalismus in Deutschland ist es unbedingt notwendig, die Möglichkeiten einer angemessenen Verpflegungsqualität in Kitas und Schulen interdisziplinär zu diskutieren und sich mit einer gemeinsamen Zielorientierung auf zielführende Maßnahmen zu konzentrieren.

Dieser Artikel ist Teil folgender Serie:

Serie zur Serie
Schultafel, davor blaue Brotdose, Banane und Apfel

Vernetzungsstellen Schulverpflegung

Besseres Essen für Kitas und Schulen! Die Vernetzungsstellen in den Bundesländern beraten Verantwortliche, Caterer und Eltern rund um gesunde Mahlzeiten.