IN FORM

"Nicht nur reden, sondern mit Beispielen überzeugen!"

Die IN FORM Redaktion sprach mit Frau Prof. Dr. Ursula Lehr über Lebensqualität und die Chancen für ein Älterwerden bei größtmöglicher Gesundheit.

Portraitfoto Lehr vor Bücherregal
Bild: BAGSO

Anlässlich des 11. Deutschen Seniorentages mit der begleitenden Messe SenNova sprach die IN FORM Redaktion mit Frau Prof. Dr. Ursula Lehr über Lebensqualität und die Chancen für ein Älterwerden bei größtmöglicher Gesundheit.

Die Stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), Professorin Lehr, Jg. 1930, ist eine der führenden Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns. Von 1988 bis Anfang 1991 war sie Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit.

Was bedeutet für Sie "Lebensqualität"?

Prof. Lehr: Lebensqualität bedeutet für mich: zufrieden zu sein mit dem Alltag, mit meiner gegenwärtigen Lebenssituation und auch, zufrieden auf meine Vergangenheit zurück blicken zu können, etwaige Unannehmlichkeiten, Schicksalsschläge und Misserfolge verarbeitet zu haben. Die Gründe für diese Zufriedenheit sind allerdings von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt objektiv arme Menschen, die subjektiv eine hohe Lebensqualität empfinden und es gibt reiche Menschen, die gar keinerlei Lebensfreude empfinden, die sehr unzufrieden sind. Es gibt Gesunde, die wenig Lebensqualität empfinden und Kranke, die dennoch sagen: „Es geht mir ganz gut, die Alternative wäre, unter der Erde zu sein“. Sicher trägt Freiheit nahezu bei allen und Selbstbestimmung bei den meisten Menschen zur Lebensqualität bei. Für mich persönlich bedeutet Lebensqualität auch, eine Aufgabe zu haben, einen Sinn in meinem Leben zu sehen.

Welche Bedeutung haben Ihrer Meinung gesunde Ernährung und angemessene Bewegung auf die Lebensqualität älterer Menschen?

Prof. Lehr: Gesunde Ernährung, körperliche und geistige Aktivität sind geradezu die Voraussetzung für ein gesundes und kompetentes Älterwerden. Es gibt viele Studien, die beweisen: Funktionen, die nicht gebraucht werden, verkümmern. Der Engländer sagt „Use it or lose it“. Allerdings darf man bei generell gesunder Ernährung auch einmal „über die Stränge schlagen“. Ein grundsätzliches Fleischverbot, ein grundsätzlicher Verzicht auf Süßigkeiten oder ein Glas Wein würde für viele Menschen die Lebensqualität stark beeinträchtigen. Es ist immer die Dosis, die entscheidet, ob mir etwas gut tut oder schadet.

Wie steht es heute um die Rahmenbedingungen für ein gesundes Älterwerden in Deutschland?

Prof. Lehr: Wenn man sieht, dass die Menschen immer älter werden, gesünder sind als Gleichaltrige früherer Zeiten, dann steht es um die Rahmenbedingungen gar nicht so schlecht. So haben Wissenschaftler behauptet, dass allein die Einführung des Kühlschrankes erheblich zur Lebensverlängerung beigetragen hat. Als es diesen noch nicht gab, hat man eingesalzen und geräuchert – nicht gerade gesundheitsfördernd. Und frisch geerntetes eingefrorenes Obst ist geschmackvoller und gesünder als Eingekochtes. Sicher muss die Ernährung für Menschen, die auf Großküchen angewiesen sind, insbesondere Senioren- und Pflegeheimbewohner, noch verbessert werden.

Wo sehen Sie gute Ansätze? Gibt es bereits Beispiele, die auf dem richtigen Weg sind?

Prof. Lehr: Die Rahmenbedingungen sind insgesamt günstiger. Fragen des gesunden Lebens werden immer wieder in der Öffentlichkeit thematisiert und diskutiert – und schließlich trägt IN FORM auch dazu bei. Nicht nur reden, sondern mit Beispielen überzeugen! Viele Menschen wissen um die Notwendigkeit gesunder Ernährung, handeln aber nicht danach. Was sind die Gründe? Gesunde Kost, frisches Obst und Gemüse sind nicht erreichbar, die Wege zum Markt zu weit, die Zubereitung zu mühsam; die Zähne nicht in Ordnung u. a. m. Wir müssen noch etwas stärker die Motivation des Essens thematisieren, wir müssen fragen: „Warum isst der Mensch das, was er isst und wie er isst?“

Es gibt also bereits durchaus durchdachte und erfolgreiche Projekte. Wie ,meinen Sie, sind ältere Menschen am besten zu erreichen und zu motivieren?

Prof. Lehr: Eine große Rolle spielt der Hausarzt, der oft noch – gerade für ältere Menschen – eine Autorität darstellt. Er darf nicht nur anordnen, sondern er muss erklären, warum Bewegung gut tut, was „gesunde Ernährung“ ist und wie sie gesund zubereitet werden kann. Ältere Menschen, die in der Kriegszeit und Nachkriegszeit gehungert haben und drei Stunden für ein Stück Brot angestanden haben, die die knappen Portionen auf Lebensmittelmarken kennen, die froh waren, wenn der Metzger ihnen dafür ein Stück fettes Fleisch oder gar fetten Speck verkauft hat (je fetter, umso besser, weil das den Hunger länger gestillt hat), werden nur schwer einen Rest auf dem Teller zurück lassen. Außerdem ist die heute ältere Generation ja noch so erzogen, dass es sich gehört, den Teller leer zu essen. („Ein Löffel für den Papa, ein Löffel für die Mama…“ oder „Wenn der Teller ganz leer ist, lässt der liebe Gott die Sonne scheinen!“) Ja, wir wissen aus Biografien, dass Kinder früher geschlagen wurden, wenn sie den Teller nicht leer gegessen haben. Um diese Sozialisationsfehler auszulöschen, muss der Hausarzt als Autorität ein Machtwort sprechen. Ansonsten erreicht man Menschen am besten in Gruppen – sei es in Seniorenclubs und -begegnungsstätten, bei Vorträgen während einer Kur, in einer Ferienpension. Hier sollte man das Thema zunächst einmal zur Diskussion stellen, z. B. „Was es früher bei uns zu essen gab“, „Unser Sonntagsessen“, „Meine Lieblingsspeise als Kind“, „Eine Speise, die ich mir immer zum Geburtstag wünschte“ oder „Weihnachten bei uns zuhause…“. Eine Idee wäre auch, mehrere Menschen zu einem gemeinsamen Essen einzuladen und dabei ins Gespräch zu kommen. Hier wäre der Vorschlag unserer Projektleiterin „Im Alter in Form“, Anne von Laufenberg-Beermann, zu realisieren: Sie plädiert für eine Aktion „Auf Rädern zum Essen“ anstelle von „Essen auf Rädern“. Dies würde isoliert lebenden Menschen, die „auf Rädern“ abgeholt werden, zum einen Anregung und Abwechslung bringen – allein der Weg zum Mittagstisch: man sieht, was sich in seinem Wohnumfeld verändert hat – zum anderen Sozialkontakte, die auch sehr stark zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität beitragen.

Zum Schluss: Was raten Sie Ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die ihr Alter bei größtmöglicher Gesundheit erleben wollen?

Prof. Lehr: „Älter werden – aktiv bleiben!“ Körperliche Aktivität, geistige Aktivität – nicht umsonst spricht man von Gehirn-Jogging –, Sozialkontakte pflegen, eine kleine Aufgabe, die einem Spaß macht und die man bewältigen kann, übernehmen – und natürlich gesunde Ernährung. Victor von Weizsäcker hat einmal gesagt: Gesundheit ist einem nicht in die Wiege gelegt und nimmt dann mit zunehmendem Älterwerden allmählich ab, sondern Gesundheit ist nur dort vorhanden, wo sie tagtäglich erkämpft wird. Dabei muss man wissen: Auch der kranke Mensch hat noch Bereiche von Gesundheit, die gepflegt werden müssen!

Dieser Artikel ist Teil folgender Serie:

Serie zur Serie

Im Alter IN FORM

Regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung beugen vielen Beschwerden vor und sind ein erfolgsversprechender Weg, die Lebensqualität Älterer zu erhalten.