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Thema Kita- und Schulverpflegung im Bundestag

Frau vor Mikrophon, im Hintergrund das Logo NQZ

Dr. Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ). Bild: BLE

Dr. Anke Oepping, Leiterin des Nationalen Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), erläuterte in einer öffentlichen Anhörung die Bedeutung von Ernährungsbildung und gesundem Schulessen für Kinder und Jugendliche.

Über sechs Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland nutzen Ganztagsangebote in Kindertagesstätten und Schulen. Der Anspruch auf eine gute Essensversorgung für Kinder und Jugendliche, egal welche Kita oder Schule sie in Deutschland besuchen, wird immer höher.

Daneben wird die Forderung nach gleichzeitigem Vermitteln von Ernährungswissen und Wertschätzen der Lebensmittel laut. Das gesamte Essverhalten auch im späteren Leben wird davon beeinflusst, was Kinder zu essen "gelernt" haben, was sie über die Herkunft der Lebensmittel, ihre Zubereitung und unsere Esskultur wissen.

Der Deutsche Bundestag befasste sich am 17. Oktober 2016 mit dem Thema, welche Maßnahmen benötigt werden, um eine hochwertige Essensversorgung für alle Kinder und Jugendlichen in Kindertagesstätten und Schulen sicherzustellen. Viele Projektangebote und Informationsmaterial stehen bereits jetzt zur Verfügung und stärken die Kompetenzen der Erzieher und Lehrkräfte. Bundesweit sind aktive Vernetzungsstellen für Kita- und Schulverpflegung unterstützend tätig.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat ein Nationales Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung eingerichtet. Dr. Anke Oepping ist die Leiterin des neuen Qualitätszentrums. Als Expertin ist sie zu der Anhörung im Deutschen Bundestag eingeladen worden.Die Internetredaktion der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) bat Anke Oepping, die Bedeutung der Schulernährung näher zu erläutern.

BLE: Frau Dr. Oepping, Sie haben sich mit dem Thema Ernährungsbildung in Schulen beschäftigt und ein Modellprojekt zur Reform der Ernährungsbildung an der Universität Paderborn durchgeführt. Welche Bedeutung hat die Ernährungsbildung für Kinder und für die Gesellschaft?

Dr. Anke Oepping: Ernährungsbildung hat eine große Bedeutung für jeden einzelnen Menschen, weil sie sich mit Handlungen beschäftigt, die Menschen täglich mehrfach ausüben und ohne Essen und Trinken kommt niemand aus. Daher übt Bildung einen großen Einfluss auf die Fähigkeiten des Menschen im Umgang mit der eigenen Ernährung aus und stellt Weichen für das persönliche Wohlergehen, die Gesundheit und Lebensqualität. Das Wissen und Handeln sind erklärte Ziele einer "guten" Ernährungsbildung.

Das Wissen und Handeln beschränkt sich aber nicht nur auf das persönliche Umfeld, Ernährungsbildung hat auch weitreichenden Einfluss auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Hier sind einerseits die volkswirtschaftlichen Kosten für ernährungsmitbedingte Erkrankungen zu nennen, aber auch die lokalen und globalen Auswirkungen der Ernährung auf Existenz- und Agrarstrukturen und den Handel.

Zwischen diesen Ebenen des persönlichen Wohlergehens im Umgang mit Essen und Trinken und der gesellschaftlichen Ebene darf aber auch nicht vergessen werden, dass Essen und Trinken für Menschen von jeher ein sozialer Akt ist. Essen und Trinken ist Begegnung, Austausch und ist für Kinder und Heranwachsende eine gute Gelegenheit für Sozialisation und das Hineinwachsen in die Kultur.

Schriftzug NQZ in grün auf weissem Grund

Das Logo des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule (NQZ), Bild: BLE

Was sollte aus Ihrer Sicht in Kindertagesstätten und Schulen verändert werden?

Dr. Oepping: Es wäre wünschenswert, dass Kitas und Schulen einerseits ihre Verantwortung für die Gesundheit, die Lern- und Leistungsfähigkeit und andererseits ihre Bildungsverantwortung im Handlungsfeld Ernährung stärker wahrnehmen würden. Konkret heißt das, dass die Auswahl und Qualität des Essens stimmen muss und dass das Essen und Trinken in ein pädagogisches Konzept, in eine Esskultur in der Kita bzw. der Schule eingebettet ist.

Eine Bildungsverantwortung besteht nach meiner Auffassung auch für dieses sogenannte "informelle" Ernährungslernen, nämlich das Lernen mit und beim Essen und Trinken. Mit jedem Bissen, mit jeder Mahlzeit, mit jedem Pausenbrot findet auch Bildung statt. Dazu gehören Sinnesbildung und Geschmacksgewöhnung ebenso wie das Hineinwachsen in eine Kultur der Pausen- und Mahlzeitengestaltung und beispielsweise Kenntnisse über das, was ich esse und wie es hergestellt wurde, welche Bedeutung es für meinen Körper, die Umwelt, etc. hat.

Das Alltagshandeln kann dann durch eine altersgerechte Aufbereitung von Wissen ergänzt werden. Die Verantwortung in dieser Form zu übernehmen heißt dann aber auch, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie beispielsweise die Mittagsversorgung gestaltet ist und was es zu essen gibt. Hier sind wir dann bei den Kernaufgaben des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule, die es zu bearbeiten gilt.

Sollten bundesweit einheitliche Standards wie die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Kita- und Schulverpflegung vorgegeben und für alle verbindlich festgeschrieben werden?

Dr. Oepping: Die DGE-Qualitätsstandards für die Kita- und Schulverpflegung bilden eine Mahlzeitenversorgung in der Gemeinschaftsgastronomie ab, die aus fachwissenschaftlicher Sicht für die jeweilige Altersgruppe an das angepasst ist, was diese Menschen brauchen, damit ihre körperliche und geistige Entwicklung, Lern- und Leistungsfähigkeit und Gesundheit gewährleistet ist.

Sie bilden damit eine sichere und verlässliche Grundlage für das Wahrnehmen von Verpflegungsverantwortung und enthalten eine Menge Fachkenntnis und Expertise. In der Verantwortung für Kinder und Jugendliche ist es unbedingt notwendig, eine solche Orientierung bereit zu stellen, denn welcher Träger und welche Kita- oder Schulleitung wäre in der Lage, eine solche altersgerechte Verpflegung selbst zu definieren?

Eine Verbindlichkeit sehe ich insofern für notwendig an, weil ich der Meinung bin, dass Kinder in Deutschland ein Recht auf eine entsprechende Versorgung haben, egal in welche Kita oder Schule sie gehen. Hier dürfen keine Unterschiede gemacht werden. Deshalb ein "ja" zu bundesweit einheitlichen Standards und auch ein "ja" zu den Qualitätsstandards der DGE.

Sie sind als Expertin für Kita- und Schulverpflegung zu dieser Anhörung im Deutschen Bundestag eingeladen worden. Können Sie kurz den Hintergrund schildern?

Dr. Oepping: Es handelte sich um eine öffentliche Anhörung vor dem Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft auf Grundlage des Antrages der Fraktion DIE LINKE. Der Antrag fordert, eine hochwertige und unentgeltliche Essenversorgung für alle Kinder und Jugendlichen sicherzustellen. In diesem Antrag wurden verschiedene Maßnahmen gefordert, die mithilfe von sechs Sachverständigen aus unterschiedlichen Bereichen erörtert wurden.

Da ich selbst auf eine 17-jährige Tätigkeit als Mitarbeiterin der Universität Paderborn zurückblicke, in der ich Ernährung im Kindes- und Jugendalter aus verschiedenen Blickwinkeln untersuchen und in unterschiedlichen Projekten weiterentwickeln konnte, wurde ich als Einzelsachverständige geladen. In meiner neuen Funktion als Leiterin des Nationalen Qualitätszentrums für Ernährung in Kita und Schule (NQZ) konnte ich einen Einblick in die Maßnahme des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zur Einrichtung dieses Nationalen Qualitätszentrums und einen Ausblick auf die Ziele und Maßnahmen des NQZ geben.

Es ist von einem Konzept einer Zubereitungsfrischküche die Rede. Die meisten Menübestandteile frisch zubereiten, ist das nicht nur theoretisch wünschenswert?

Dr. Oepping: Die Zubereitung von Mahlzeiten in einer Frischküche ist sicherlich wünschenswert, aber als Standard in Kitas und Schulen in Deutschland fernab der Realität. Dort, wo die Zubereitung von Mahlzeiten in einer Frischküche realisierbar ist, ist dieses System zu begrüßen und zu unterstützen, jedoch kann eine ernährungsphysiologisch ausgewogene, sensorisch ansprechende und ökologisch vertretbare Mahlzeitenherstellung auch mit anderen Küchensystemen gut erreicht werden. Auch eine Frischküche ist kein Garant für ein gutes Essen, wenn sie nicht professionell genutzt und betrieben wird.

Entscheidender ist in meinen Augen eine sachliche Analyse der vorhandenen organisatorischen, technischen und finanziellen Möglichkeiten auf der Ebene der Träger, der Kitas und Schulen und die professionelle und engagierte Nutzung der Möglichkeiten durch den Essensanbieter. Wenn die Möglichkeiten es nicht hergeben, den angestrebten bundeweit einheitlichen Standard zu erreichen, gilt es, Spielräume für Qualitätsverbesserungsmaßnahmen wahrzunehmen und zu ergreifen.

Hier ist eine Beratung und Unterstützung notwendig, die von den Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung bereits seit Jahren durchgeführt wird und die es zu stärken gilt. Das NQZ nimmt diesen Auftrag wahr, um Kindern, Jungendlichen und Eltern zu gewährleisten, dass sie in jeder Kita und Schule in Deutschland gut versorgt werden.

Die Forderung nach einer kostenfreien Verpflegung für Kinder in Kitas und Schulen hört sich sehr verlockend an. Halten Sie das für realistisch?

Dr. Oepping: Auf den ersten Blick klingt eine kostenfreie Verpflegung verlockend, aber genauer betrachtet birgt sie einige Stolperfallen, die auch von mir und den anderen Sachverständigen in der Anhörung vertreten wurden. Hier seien nur einige Aspekte genannt, nämlich, dass kostenfreies Essen kein Garant für Qualität und eine bessere Akzeptanz ist und damit der Lebensmittelverschwendung Tür und Tor geöffnet sein kann, weil ja das Essen ja nicht vom Kunden bzw. den Eltern bezahlt werden muss.

Erhebungen zeigen, dass bei Umfragen zur Akzeptanz der Preis nicht an erster Stelle der Kriterien steht. Infrage gestellt wurde auch der Nutzen für die soziale Gerechtigkeit, da die finanziellen Unterstützungen, die bereits derzeit zur Verfügung stehen, nicht ausgeschöpft werden. Als nachahmenswertes Beispiel wird immer wieder die kostenfreie Verpflegung in skandinavischen Ländern angeführt. Allein die Freistellung von den Kosten zu fordern ist aber zu einseitig gedacht. Das konnten die Ausführungen einer der Sachverständigen aus Finnland belegen. Sie stellte die kostenfreie Schulverpflegung in Finnland in den Kontext historischer, juristischer, volkswirtschaftlicher, pädagogischer und kultureller Aspekte.

Auch vor dem Hintergrund des Föderalismus in Deutschland ist es unbedingt notwendig, die Möglichkeiten einer angemessenen Verpflegungsqualität in Kitas und Schulen interdisziplinär zu diskutieren und sich mit einer gemeinsamen Zielorientierung auf zielführende Maßnahmen zu konzentrieren.

Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), www.ble.de

IN FORM Tipps

Allgemeine Informationen zum Thema Schulverpflegung finden Sie auf IN FORM unter www.vernetzungsstellen-schulverpflegung.de

Die Pressemitteilung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vom 30. September 2016 "Bundesernährungsminister Schmidt: Weichen für eine bessere Schulverpflegung sind gestellt!"