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Armut und Ernährung bei Kindern

Einflüsse des Einkommen von Familien auf die Ernährung von Kindern.

Zum Thema Ernährung Für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche

Kind steht mit dem Rücken zur Kamera vor einem Hausbriefkästen mit vielen Fächern
Der Zusammenhang zwischen Armut und nicht bedarfsgerechter Ernährung zeigt sich bei Kindern besonders deutlich. Bild: Harald07 / stock.adobe.de

Soziale Unterschiede zeigen sich unter anderem bei der Ernährung. Prof. Dr. med. Hans Konrad Biesalski, Direktor des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft an der Universität Hohenheim in Stuttgart, erläutert im folgenden Beitrag die Zusammenhänge zwischen der Einkommensstrukur von Familien und dem Ernährungsverhalten sowie der altersgerechten Entwicklung von Kindern.

Hinweis

Prof. Dr. med. Hans Konrad Biesalski ist seit 1995 Geschäftsführender Direktor des Instituts für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim. Seit 2014 leitet er hier das Food Security Center.

Armut – auch in Deutschland ein Thema

Kinder sind zunehmend von Armut betroffen. Sie leben in Familien, deren Einkommen unter 50 % des mittleren Einkommens liegt. Als armutsgefährdet gelten Personen mit einem Einkommen unter 60 % des mittleren Einkommens.

Folgende Zahlen verdeutlichen die Situation für Deutschland:

  • Nach Angaben des aktuellen Armuts- und Reichtumsberichts sind je nach Berechnungsgrundlage 14 bis 17 % der Gesamtbevölkerung in Deutschland von Armut betroffen bzw. davon gefährdet.
  • 2,1 Millionen Kinder unter 15 Jahren leben in Familien, deren Einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze liegen.
  • Von Hartz IV leben 15,7 % aller Kinder unter 15 Jahren, in Ostdeutschland fast jedes 4. Kind (23,2 %).

Armut beeinflusst Lebensmittelauswahl bei Kindern

Jones et al. zeigen für Großbritannien, dass eine gesunde Ernährung um bis zu dreimal teurer ist als eine Ernährung, die zwar genügend Kalorien enthält, aber weniger gesund ist. „Die Folge ist oft eine unzureichende Zufuhr an lebensnotwendigen Mikronährstoffen. Dies muss sich nicht in einem sichtbaren Mangel äußern, hat aber Einfluss auf die Gesundheit und Entwicklung von Kindern“, erklärt Prof. Biesalski.

Untersuchungen des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) in Dortmund zeigen, dass arme Kinder tendenziell weniger frisches Obst und Gemüse, Milchprodukte und fettarmes Fleisch bzw. Fleischprodukte essen. Sie greifen umso häufiger zu fettreichem Fleisch, preisgünstigen Wurstprodukten sowie hochkalorischen Fertigprodukten. „Für Kinder stehen durch den im Arbeitslosengeld (ALG) II vorgesehenen Satz 2,62 Euro, für Jugendliche zwischen 7 bis 14 Jahren 3,22 Euro pro Tag zur Verfügung. Damit können die Kosten für eine vom FKE empfohlene Optimierte Mischkost keinesfalls gedeckt werden“, so der Experte.

Besonders betroffen: Kleinkinder in armutsgefährdeten Familien

„Kinder, die in Armut leben, sind häufiger krank“, erläutert Prof. Biesalski. „Dies ist eine Erfahrung, die nicht nur in großen US-amerikanischen Studien gemacht wurde, sondern auch im Rahmen kleinerer Untersuchungen in Deutschland, beispielsweise der KIGGs Studie.“

Der Experte verweist auf die Bedeutung des 1000-Tage-Fensters, die Zeit von der Konzeption bis Ende des zweiten Lebensjahres. „In dieser Zeit werden entscheidende Weichen für die Entwicklung der Kinder gestellt. Eine unzureichende Zufuhr, besonders an Jod, Eisen, Zink, Vitamin A und D, führt zu einer verstärkten Krankheitsanfälligkeit und dadurch auch zu einer eingeschränkten körperlichen und kognitiven Entwicklung. Diese kann nach dem zweiten Lebensjahr auch bei entsprechender Intervention oft nicht mehr vollständig kompensiert werden.“

Übergewicht und Adipositas bei armutsgefährdeten Kindern

Verschiedene Studien in Deutschland (KIGGs, DONALD) zeigen, dass in der niedrigsten Einkommensgruppe bis zu dreimal häufiger übergewichtige Kinder zu finden sind als in der höchsten Einkommensgruppe. „Dies lässt sich auf der Grundlage umfangreicher Untersuchungen erklären“, meint der Experte. „Preisgünstige Lebensmittel haben häufig eine höhere Energiedichte (mehr Kalorien) und gleichzeitig eine geringere Menge an lebensnotwendigen Mikronährstoffen. Auf eine solche doppelte Belastung, auch als double burden bezeichnet, wird in den letzten Jahren vermehrt hingewiesen: Das Auftreten von Übergewicht zusammen mit einer Unterversorgung lebensnotwendiger Nährstoffe.“

Einfluss auf kognitive Leistungen

Sprachstörungen sowie Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung finden sich bei Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen fünf- bis zehnmal häufiger als bei Kindern aus Familien mit gutem Einkommen. Dies ergab eine Einschulungsuntersuchung aus dem Jahr 2000 im Land Brandenburg. Störungen der kognitiven Entwicklung bei Kindern in Armut lassen sich nach Aussage von Prof. Biesalski unter anderem mit einer unzureichende Versorgung mit Mikronährstoffen (vor allem Eisen und Jod, aber auch Vitamin D und A) erklären. „Gerade im 1.000-Tage-Fenster kann dies zu Entwicklungsstörungen des Gehirns führen. Besonders betroffen sind die Gehirnareale des Hippocampus, die die Kommunikation und den Umgang mit Sprache betreffen. Hierbei zeigte sich eine direkte Beziehung zwischen Einkommen und Größe des Hippocampus sowie zwischen Sprachverständnis (nicht Wortschatz) und Einkommen“, erläutert der Ernährungsmediziner.

Es besteht Handlungsbedarf

„Eine wichtige Maßnahme für die von Armut betroffenen Kinder ist die Sicherung einer adäquaten Ernährung innerhalb der ersten 1.000 Tage“, betont Prof. Biesalski. Folgende Aspekte könnten seiner Meinung nach die Situation verbessern:

  • Sicherung einer ausgewogenen Ernährung von Schwangeren und Stillenden,
  • Kontrolle der Ernährungssituation von Neugeborenen und Kleinkindern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen,
  • Motivation der Mütter zum Stillen sowie
  • Gesunde Ernährungsangebote in Kindertagesstätten und Ganztagsschulen.

Wichtig ist auch, so Prof. Biesalski, das Ernährungswissen der Kinder zu verbessern und ein Bewusstsein für Gesundheit zu schaffen. „Ob das Speisenangebot in Kindergärten und Schulen nach dem Beispiel skandinavischer Länder unentgeltlich erfolgen sollte, ist Sache der Länder“, merkt er an. „Studien aus Schweden haben eindrucksvoll gezeigt, dass bei Kindern aus armen Verhältnissen 21 Jahre nach der Erstuntersuchung im Vergleich zu Kindern aus finanziell bessergestellten Familien bis zu dreimal häufiger Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes bei diesen inzwischen jungen Erwachsenen anzutreffen waren.“ Damit geht es auch um die Zukunft dieser Kinder sowie um die weitaus höheren Kosten durch diese Erkrankungen im Vergleich zu den Ausgaben für eine frühzeitige gesunde Ernährung.

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