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BLE-Fachforum "Ernährung im Wandel"

Im Rahmen des Programms zum 20-jährigen Bestehen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) beleuchteten Expertinnen und Experten die Ernährungssituation in Deutschland und blickten in die Vergangenheit und Zukunft.

Zum Thema Ernährung Lebensmittel Für die Zielgruppe Allgemein

Gesprächsrunde mit sechs Personen auf einem Podium
Diskussionsrunde zu "Ernährung im Wandel" (v.l.n.r.): Prof. Angelika Ploeger (Universität Kassel), Mirko Reeh (TV-Koch), Prof. Jana Rückert-John (Universität Fulda), Birgit Keller (Moderatorin, NDR), Prof. Urs Niggli (Forschungsinstitut für Biologischen Landbau Frick/Schweiz), Stefanie Hollberg (BLE, Bonn). Bild: BLE

Die Festveranstaltung für die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) am 16.April 2015 stand unter dem Motto "Mangel-Überfluss-Nachhaltigkeit – Landwirtschaft und Ernährung in Deutschland". In verschiedenen Symposien und Talkrunden diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Verbänden und Praxis unter anderem den Stand der Forschung im Landwirtschafts- und Ernährungssektor und Kontrollverfahren im Dienste der Verbraucher. Das Fachforum "Ernährung im Wandel der Zeit" informierte rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer auf hohem inhaltlichen Niveau über aktuelle Ernährungstrends in Deutschland. Mit einbezogen wurde dabei immer die Entwicklung, die diese Trends beeinflusst hat. Expertinnen und Experten beleuchteten die Ernährungssituation und das Ernährungsverhalten hierzulande. Dabei zeigten sie die derzeitige Situation auf, blickten aber auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Moderiert wurde das Fachforum von Birgit Keller (NDR), die bereits auf dem Messestand von IN FORM während der Bildungsmesse didacta 2014 und 2015 kompetent durch das Bühnenprogramm geführt hat. Zum Einstieg ins Thema gab es aber zunächst einmal eine Uraufführung: Der IN FORM Erklärfilm wurde zum ersten Mal gezeigt.

Vorträge und Gesprächsrunde rund ums Essen

Im Zentrum des zweistündigen Programms stand eine lockere Talkrunde, bei der fünf geladene Expertinnen und Experten Fragen rund um die "Ernährung im Wandel" behandelten. Sie verrieten nicht nur die Lieblingsgerichte aus Kindertagen, sondern diskutierten zum Beispiel mit dem Schweizer Kollegen den Stellenwert von gesunder Ernährung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Runde: Prof. Angelika Ploeger, Universität Kassel, Fachgebietsleiterin Ökologische Lebensmittelqualität und Ernährungskultur Mirko Reeh, Restaurantbetreiber, Inhaber von Kochschulen und TV-Koch aus Frankfurt a. M Prof. Jana Rückert-John, Universität Fulda, Professur für Ernährungssoziologie Prof. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau in Frick (Schweiz) und u.a. Honorarprofessor an der Universität Kassel – Witzenhausen Stefanie Hollberg, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in Bonn, Diplom-Sportwissenschaftlerin und Referentin in der IN FORM Geschäftsstelle

Vom Mangel zum Ernährungswohlstand

Zum Einstieg lieferte Professorin Jana Rückert-John einen Überblick über die Ernährungsgeschichte in Deutschland – vom Mangel und Hunger in der Nachkriegszeit über die "Fresswelle" in den 50er und 60er Jahren und den Einzug von Fast Food in den 70ern bis zur heutigen Überflussgesellschaft, in der Nahrungsmittel in Deutschland praktisch unbegrenzt zur Verfügung stehen. Dabei stellte Rückert-John interessante Entwicklungen im Zeitverlauf vor, die deutlich machen, dass das Essverhalten nicht immer rationalen Gesetzen folgt: "Noch in den 60er Jahren sprach man zum Beispiel von "Tischzucht", wenn es um Fragen ging, die wir heute als "Esskultur" bezeichnen würden", so Rückert-John in ihrem Vortrag. Ab den 1970er Jahren wurde (nicht nur) an diesem Prinzip Kritik laut: Das Umweltthema kam auf, und gleichzeitig begann der Siegeszug von Fast Food und Snacking. 1971 eröffnete die erste deutsche McDonald´s-Filiale in München mit dem Slogan "Die revolutionärste Idee seit der Erfindung des Beef-Steaks – der Hamburger". Heute leben wir in Deutschland in einer Überflussgesellschaft, in der ein schier unbegrenztes Angebot an Nahrungsmitteln besteht. Gleichzeitig herrscht aber trotz allem bei vielen Menschen laut Rückert-John ein "Mangel im Überfluss". Die beiden Lösungsansätze Verhaltens- und Verhältnisprävention, die auch mit IN FORM beschritten werden, könnten langfristig eine Änderung hin zu einem gesunden Lebensstil bewirken. Allerdings warnt die Soziologin vor allzu großen Hoffnungen und zweifelt am Prinzip des "Homo oeconomicus": "Wir handeln wider besseren Wissens", so die Professorin aus Fulda. "Auch wenn wir Politik mit dem Einkaufskorb betreiben könnten, ist unser Konsumverhalten nicht immer verantwortungsbewusst."

Mit "Anstupsern" zum gesunden Lebensstil

Die Zahlen des Robert Koch-Instituts sprechen eine deutliche Sprache: Über die Hälfte aller Deutschen sind übergewichtig. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, gibt es in Deutschland die Initiative IN FORM. Ohne erhobenen Zeigefinder will Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung Menschen aus allen Lebenswelten zu einem gesünderen Lebensstil motivieren. Eine Möglichkeit, Menschen zu einem gewünschten Verhalten zu bringen, ist das Prinzip des "Nudging", zu deutsch: "Anstupsens". IN FORM unterstützt dies, indem die Initiative einen Rahmen vorgibt, ohne zu bevormunden. "Nudging lenkt eine Person mit einem Schubs in die richtige Richtung, das heißt, Menschen können sanft zu einer gesünderen Ernährung bewegt werden", erläuterte Stefanie Hollberg.

Wirksame Beispiele für "Anstupser":

  • Einkauf: Obst und Gemüse an der Kasse anbieten; spezielle Ablagen für Obst und Gemüse an Einkaufswagen (USA)
  • Restaurant: im Menü gesunde Speisen besonders hervorheben; Standards ändern (z.B. Salat als Standardbeilage statt Pommes frites); bei Buffets Gesundes einige Zentimeter vor andere Gerichte weiter nach vorne stellen

Mit dem Bild eines entschlossenen Bergsteigers, der den Gipfel schon fast erreicht hat, schloss Hollberg ihren Vortrag. "Make the healty choice the easy choice", forderte sie gemäß dem Motto, das die Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben hat. Übersetzt heißt das: Mache die gesunde Wahl zur leichten Wahl!

Talkrunde: Gestern und heute - Trends aus Expertensicht

In der anschließenden Gesprächsrunde mit den Gästen ging es anfangs um die Frage, welche Kindheitserinnerungen mit Essen verbunden sind. Die Antworten zeigten, wie vielfältig die Esserfahrungen von Menschen sind: Vom köstlichen Geruch gekochter Milch und dem anschließenden Milchreis (Prof. Angelika Ploeger) bis zum "Ketchup, weil der im Osten was Besonderes war" (Prof. Jana Rückert-John), von der Erinnerung an die erste, köstliche Kalbfleischpastete in Frankreich nach eher bodenständiger Kost im Bauernhaushalt (Prof. Urs Niggli) bis zum Rheinischen Sauerbraten (Stefanie Hollberg) und "dem was aus dem Garten kam" (Mirko Reeh) reichte das Spektrum der Lieblingsgerichte. Nach dieser Vorstellungsrunde der kulinarischen Art richtete sich Moderatorin Birgit Keller mit gezielten Fragen direkt an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Runde. Auf die Frage nach den Ursachen für den Erfolg von Kochshows wie seiner eigenen gab sich Mirko Reeh wenig optimistisch: "Kochshows sind heute reine Unterhaltung", glaubt er. "Die Leute schauen sich eine Sendung über gesunde Ernährung an und haben dabei eine Pizza auf dem Schoß." Dieser eher negativen Sicht schloss sich Prof. Angelika Ploeger mit der Aussage an, die Deutschen gelten "in Europa als diejenigen, die in den teuersten Küchen mit den billigsten Zutaten arbeiten". Der Stellenwert von gutem Essen sei in Deutschland eher gering. "Vielleicht neigen wir dazu, das Essen zu sehr zu verkopfen", mutmaßte die Wissenschaftlerin aus Kassel. Anders dagegen ist das in der Schweiz, wie Prof. Urs Niggli berichtete. Dort wissen die Menschen gutes Essen eher zu schätzen. "Die Schweizer Supermärkte präsentieren sich gesünder", so Niggli. "Zum Beispiel sind die Auslagen von Obst und Gemüse viel schöner als in Deutschland." Gesundes Essen als Genussthema – das kommt in Deutschland oft viel zu kurz, weil laut Prof. Jana Rückert-John das Thema Ernährung viel stärker problematisiert wird als etwa in Italien und Frankreich. "Wir müssen das Thema entspannter angehen und viel stärker den Genuss und das Schöne kommunizieren", rät die Soziologin. Wichtig sind dabei gut aufbereitete Informationen und eine Ernährungserziehung, die schon in der Kita einsetzt. "Wenn die Menschen wissen, dass sie sich mit dem, was sie ihrem Körper zuführen, etwas Gutes tun, ist schon viel erreicht", fasst Stefanie Hollberg von der IN FORM Geschäftsstelle am Ende das Ergebnis der Talkrunde zusammen.

"Was werden wir in Zukunft essen?"

Ernährungskultur ist eines der Spezialgebiete von Prof. Angelika Ploeger. Das wurde deutlich im Vortrag "Blick in die Zukunft" der Wissenschaftlerin von der Universität Kassel. Für sie ist Essen eine sehr intime Angelegenheit, die in hohem Maße kulturelle Identität vermittelt. Sie erinnerte zu Beginn an den Reinfall, den die Grünen mit ihrer Forderung nach einem "Veggie Day" erlebten. Die Reaktion: Die Menschen wollten sich ihr "Stück Fleisch" nicht verbieten lassen. Es erhebt sich also die Frage, in wie weit der Staat sich in die Essgewohnheiten einmischen darf. Und dennnoch, so die Experten, seien Essgewohnheiten mit Blick auf die Folgen wie Klima, Welternährung etc. eben nicht allein eine individuelle Entscheidung.

Zu den Zukunftsaussichten in Bezug auf die Ernährung weltweit zählen laut Ploeger

  1. Bevölkerungswachstum (verbunden mit einer erhöhten Verstädterung und Individualisierung, einer Zunahme von Flüchtlingen und mehr Armut)
  2. Klimawandel (mit Folgen für die Biodiversität der Nutzpflanzen und Dürreperioden)
  3. Veränderungen des Wasserhaushalts (mit Folgen für die Verteilung und den Zugang zu sauberem Trinkwasser; hierbei ist auch der "Export von Wasser" durch den aufwändigen Anbau z.B. von Früchten in heißen Regionen der Erde zu berücksichtigen)
  4. Bodenspekulation (Land Grabbing)

Aus diesen Erkenntnissen heraus ergeben sich Bestrebungen wie Nachhaltigkeit als Gegenbewegung zu den bisherigen Ernährungsgewohnheiten. Die Berliner Prinzessinnengärten oder die Essbaren Städte sind nur zwei Beispiele dafür. Studenten der Universität Kassel entwickeln derzeit eine Anleitung für urbane Garten-Projekte unter dem Motto "Nachhaltigkeit findet Stadt". Als Trends für die Zukunft haben Professorin Ploeger und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter folgende Entwicklungen identifiziert:

  1. Trend zu Food Blogs etc.
  2. Vegane Ernährung
  3. Nachhaltigkeit
  4. Regionalbezug, Authentizität, emotionaler Zugang
  5. „Frei von …“-Produkte, Nutrigenomik (Entwicklung von Lebensmitteln mit präventiver oder medizinischer Wirkung)