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Kann Essen zur Sucht werden?

Frustfraß, Stressessen, Kummerspeck – wie hängen Essen und Suchtverhalten zusammen? Erfahren Sie mehr dazu in diesem Beitrag.

Zum Thema Ernährung

Esssucht
Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen untersuchen seit Jahren unter dem Begriff "Food-Addiction" (Esssucht) die Zusammenhänge im Körper, die einer vermuteten Abhängigkeit nach Nahrung zugrunde liegen könnten. Bild: abropulchra / fotolia

Die Wissenschaft untersucht seit Jahren, ob bestimmte Nahrungsmittel ähnlich abhängig machen können wie der Konsum von Drogen. Zusammenhänge erscheinen möglich, die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind aber noch nicht eindeutig. Das komplexe Zusammenspiel aus Genetik, Regulation von Hunger und Sättigung, (Hormon-)Stoffwechsel, sozialer und psychischer Situationen beeinflusst das Ernährungsverhalten des Menschen.

Sucht als übersteigertes Verlangen

Laut Duden ist „Sucht“ eine „krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel…“ oder allgemeiner ein „übersteigertes Verlangen“ nach etwas. Letzteres dürfte für die meisten im Zusammenhang mit Essen nachvollziehbar sein. Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen untersuchen seit Jahren unter dem Begriff „Food-Addiction“ (Esssucht) die Zusammenhänge im Körper, die einer vermuteten Abhängigkeit nach Nahrung zugrunde liegen könnten. Mögliche Ursache ist eine psychische Abhängigkeit, zum Beispiel von einem positiven Glücksgefühl. Erkenntnisse zum Auftreten von Entzugserscheinungen wie bei Suchtmittelabhängigen lassen sich beim Menschen bisher nicht auf bestimmte Nahrungsmittel übertragen. Lebensmittel als solche scheinen also keine suchtspezifischen Eigenschaften aufzuweisen.

Essen: Energiequelle und soziales Ereignis

Der Mensch isst in der Regel, wenn er Hunger hat. Dieses Grundbedürfnis erhält den Menschen am Leben. Die Nahrungsaufnahme ist für den Körper notwendig, um den Stoffwechsel und alle überlebenswichtigen Funktionen aufrecht zu erhalten. Bei länger anhaltendem Verzicht auf Nahrung signalisiert der Körper, unter anderem durch eine verringerte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, den Bedarf nach Energie.

Das Verlangen nach Nahrung, ist also überlebenswichtig - anders als der Konsum von Suchtmitteln wie z.B. Alkohol. Solange die Energieaufnahme dem Energieverbrauch des Menschen entspricht, ist der Energiehaushalt ausgeglichen. Übergewicht droht bei einer übermäßigen Aufnahme von Kalorien, die über dem eigentlichen Bedarf liegt. Darüber hinaus ist das Essverhalten auch kulturell verankert. Gemeinsames Essen, im familiären und freundschaftlichen Rahmen, stellt ein gesellschaftliches Ereignis dar, das auch sozial anerkannt ist, ganz im Gegenteil zum (übermäßigen) Konsum von Suchtmitteln bzw. illegalen Drogen.

„Food Craving“

Das sogenannte Craving (engl. für Begierde, (Substanz-)verlangen) gilt als ein Beispiel dafür, wie sehr sich übermäßiges (süchtiges) Essen und der Konsum von Suchtmitteln ähneln. Es beschreibt den Zustand eines intensiven Verlangens, eine Substanz zu sich zu nehmen. Dies können Drogen, aber auch Nahrung sein.

Süße, fettreiche – also sehr energiedichte – und salzige Lebensmittel werden besonders im Zusammenhang mit dem sogenannten Belohnungsessen beobachtet. Auch die sensorischen Eigenschaften wie Geschmack, Geruch und Textur von Lebensmitteln, ob knusprig, knackig oder weich, scheinen eine Rolle bei der Wahl von Snacks und Co. zur Belohnung zu spielen.

Über standardisierte Fragebögen soll in verschiedenen Studien Esssucht bzw. emotionales Essen beim Menschen gemessen werden. Ein Ansatz, der fehleranfällig ist, weil die Ergebnisse eine hohe Selbsteinschätzung der Teilnehmer voraussetzen. Eine einheitliche Definition von süchtigem Essverhalten gibt es deshalb bislang nicht, und es bedarf weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen, um das Thema "Craving" einzugrenzen.

Essen als Trost

Essen kann auch Seelentröster sein. Hier steht wahrscheinlich weniger der Überlebenswille durch das Verlangen nach Nahrung im Vordergrund als vielmehr das Befriedigen der eigenen Seele durch positive Gefühle, die das Essen auslösen kann. Schon Kleinkinder werden gerne mit Süßigkeiten getröstet, wenn sie sich verletzt haben oder positiv gestimmt werden sollen. Solche Verhaltensmuster können sich durchaus einprägen und im Laufe des Lebens festsetzen. Negativ ist dies aber erst dann, wenn der Mensch keine andere Form des Trostes kennt als zu essen.

Eine wichtige Rolle spielt hierbei das Belohnungszentrum im Gehirn. Es wird beim Genuss bestimmter Nahrungsmittel, aber auch durch andere als positiv empfundene Ereignisse wie Sport, Shoppen, Tanzen etc. aktiviert. Dieses Zentrum - auch mesolimbisches System genannt- wird seit Jahren im Zusammenhang mit dem Ernährungsverhalten z.B. in Stresssituationen wissenschaftlich untersucht.

Mit Gehirnforschung auf der Spur von Essstörungen

In den letzten Jahren ergaben sich durch den Einsatz bildgebender Verfahren in der Medizin (z.B. die Magnetresonanz- oder Computertomografie) für die Wissenschaft neue Möglichkeiten zur Erforschung des menschlichen Gehirns. Das Belohnungszentrum im Gehirn bildet ein wichtiges Kontroll- und Koordinierungszentrum, auch in der Antwort auf Stress. Es ist aber ebenso in die Regulation von Hunger und Sättigung involviert, was einen Zusammenhang von Stress, Emotionen und der Nahrungsaufnahme vermuten lässt.

Beim Konsum von Drogen werden ähnliche Gehirnregionen im Belohnungszentrum aktiviert wie beim Belohnungs-Essen. Gemeinsamkeiten in der Reizauslösung und -verarbeitung lassen sich im Gehirn feststellen. Es ist jedoch noch nicht abschließend geklärt, ob die Aktivierung des Belohnungssystems durch Drogen und Essen gleichzusetzen ist.

Belohnungsessen und Hormonausschüttung

Zur Stimmungsaufhellung nehmen manche Menschen bei negativen Gefühlen wie Trauer, Frust oder Stress vermehrt Nahrung zu sich, weil sie anders nicht mit der Situation umzugehen wissen. Glücksgefühle und Lustempfindungen werden unter anderem über die Freisetzung bestimmter Hormone wie Serotonin und Dopamin im Körper gesteuert. Diese können sowohl bei der Aufnahme bestimmter Nahrungsmittel wie auch beim Konsum von Drogen vom Körper ausgeschüttet werden.

Genauso setzt der Körper diese auch anderen Stimulationen wie beispielswiese Sexualität frei. Problematisch ist der Mechanismus des Belohnungsessens erst dann, wenn dieser maßlos und unkontrolliert abläuft und quasi zur Problemlösung dauerhaft missbraucht wird. Hier sind disziplinübergreifende Therapiestrategien und weitere wissenschaftliche Ansätze aus Medizin, Psychologie und Biologie gefragt.

Essverhalten außer Kontrolle: Binge Eating

In der wissenschaftlichen Literatur wird vor allem auf die Binge Eating Störung hingewiesen, wenn es um den Vergleich mit einem Suchtverhalten geht. „Binge“ ist das englische, umgangssprachliche Wort für ein Gelage, eine Prasserei, also eine Situation, in der übermäßig viel gegessen oder auch viel getrunken wird. Diese Essstörung, deren Ursachen vor allem psychisch sind, kommt einem Essverhalten außer Kontrolle gleich.

Das bedeutet, Personen, die unter Binge Eating leiden, essen zu bestimmten Zeitpunkten übermäßig viel. Sienehmen die Nahrung unkontrolliert auf, verschlingen diese regelrecht. Das Besondere im Vergleich zu einer Störung wie der Bulimie (einer Ess-Brech-Sucht) ist, dass die maßlosen Essattacken nicht durch andere Maßnahmen "ungeschehen" gemacht werden. Das heißt, es erfolgt zum Beispiel kein extremer Sport, Hungern oder Erbrechen als Gegenmaßnahme. Die Betroffenen sind deshalb häufig, aber nicht immer übergewichtig.

„Erste Schritte“ bei Bing Eating Störung (BZgA)

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betreibt ein eigenes Internetangebot für Betroffene von Essstörungen. Ein Teil davon beschäftigt sich mit dem übermäßigen Essen, dem sogenannten Binge Eating. Die folgenden "Ersten Schritte" stammen aus dem Internetangebot der BZgA:

  • Langsam und genussvoll essen und gut kauen.
  • Regelmäßig essen.
  • Beim Essen nicht fernsehen oder lesen! Alle Aufmerksamkeit, alle Sinne sollten beim Essen auf den Genuss und die Nahrungsaufnahme gerichtet sein.
  • Auf die Körpersignale hören und angemessen „antworten“, zum Beispiel bei Durst trinken, bei Müdigkeit schlafen gehen.
  • Sich regelmäßig bewegen, zum Beispiel Spazierengehen, Schwimmen, Radfahren bzw. eine andere leichte körperliche Bewegung.
  • Streitgespräche bei Tisch vermeiden.
  • Professionelle Hilfe (auf Essstörungen spezialisierte Beratungsstelle, Psychotherapeut/in, Arzt/Ärztin) aufsuchen.
  • Beschäftigung mit Essen außerhalb der Mahlzeiten vermeiden (Kochshows, Rezeptbücher, für andere Kochen etc.).
  • Selbsthilfeprogramm "Essattacken stoppen" (Fairburn & Bonn, 2013) durchführen (am besten nach vorheriger Beratung).
  • Sozialen Anschluss suchen: Besonders Menschen, die dazu neigen, unter Stress mehr zu essen, essen in Gemeinschaft weniger.

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