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Kongress Armut und Gesundheit 2017

Unter dem Motto "Gesundheit solidarisch gestalten" öffnete der Public-Health-Kongress seine Türen - IN FORM war dabei!

Zum Thema Gesundheit Für die Zielgruppe Familie

Blick in einen gut besetzen Hörsaal
Mehr als 2.000 Teilnehmende kamen in diesem Jahr zum Kongress Armut und Gesundheit an die TU Berlin. Bild: Gesundheit Berlin-Brandenburg/André Wagenzik

Seit mittlerweile 22 Jahren thematisiert der Kongress Armut und Gesundheit, der am 16. und 17. März in Berlin stattfand, beharrlich den Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Lage. Zu Recht, denn von einer Verringerung dieses Zusammenhangs kann keine Rede sein. Zwar steigt die Lebenserwartung in Deutschland, aber auch die sozialen Unterschiede in der Gesundheit nehmen zu.

Arme Menschen haben in Deutschland eine deutlich geringere mittlere Lebenserwartung

PD Dr. Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut konkretisierte: "Männer und Frauen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze haben im Vergleich zu den hohen Einkommensbeziehern eine um 11 bzw. 8 Jahre geringere mittlere Lebenserwartung bei Geburt. Das Risiko für chronische Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und chronische Bronchitis ist in den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen 2- bis 3-fach erhöht."

Doch nicht nur das. Betrachte man die zeitlichen Entwicklungen, so lassen sich "keine Anhaltspunkte dafür finden, dass sich die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung verringert haben könnten. Im Gegenteil muss in einigen Bereichen von einer Ausweitung der Unterschiede ausgegangen werden", so Lampert.

Benachteiligung betrifft insbesondere Kinder

Besonders ungünstig wirke sich durch Armut erfahrene Benachteiligung dabei auf Kinder aus. "Auf ganz unterschiedlichen Ebenen sorgt Armut für einen ungünstigen Start ins Leben und belastet Eltern und ihre Kinder enorm", so Susanna Rinne-Wolf, erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes. "In einer Zeit, die von Vorfreude, Zukunftsplänen und Verlieben in das neue Familienmitglied geprägt sein sollte, erleben von Armut betroffene Eltern handfeste Existenzängste, große Hürden in der Inanspruchnahme von Hilfen und nicht selten soziale Isolation. Diese Benachteiligung setzt sich häufig im späteren Leben fort und schlägt sich unter anderem im Bildungsbereich deutlich nieder."

Dass insbesondere Kinder aus dem Raster fallen, erlebt auch der Mediziner Dr. Uwe Denker. Er gründete im Jahr 2010 die erste Praxis ohne Grenzen in Deutschland. "Ziel des eingetragenen gemeinnützigen Vereins ist es, nicht oder nicht ausreichend krankenversicherte Menschen jeder Nationalität ohne Diskriminierung kostenlos medizinisch zu beraten und zu behandeln und ihnen, wenn möglich, den Weg in eine Krankenversicherung zu weisen", so Denker.

Forderung nach beitragsfreier Krankenversicherung für Kinder und Jugendliche

Die Menschen, die seiner Unterstützung bedürfen, kommen nicht selten aus der Mittelschicht. Es sind zum Beispiel Selbständige, die sich ihre private Krankenversicherung nicht mehr leisten können. Dabei falle seit einigen Jahren auf, so Denker, "dass Kinder und Jugendliche ohne Krankenversicherung ärztlich beraten und versorgt werden müssen. Es handelt sich meist um Kinder und Jugendliche aus Familien, in denen keines der Familienangehörigen krankenversichert ist." Denker forderte deshalb eine allgemeine, beitragsfreie Krankenversicherung für alle in Deutschland lebenden Kinder bis 18 Jahren.

Boris Velter (SPD), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung in Berlin, formulierte: "Eine sozial gerechte Gesundheitspolitik muss sich daran messen lassen, ob es ihr gelingt, das Menschenrecht Gesundheit zu verwirklichen. Alle müssen, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder sozialer Lage, Zugang zur Gesundheitsversorgung haben."

Solidarität gefährdet

Auf dem diesjährigen Kongress Armut und Gesundheit stand das Thema Solidarität im Mittelpunkt der Diskussionen. Zwar wird dem deutschen Gesundheitswesen eine starke Verankerung solidarischer Elemente attestiert, doch nimmt die Ausrichtung an wettbewerblichen Handlungsmustern zu. Auch steht zunehmend die Eigenverantwortung der Versicherten im Vordergrund – das Individuum ist verantwortlich für seine Gesundheit – obwohl nachweislich viele Faktoren außerhalb des individuellen Kontrollbereiches liegen.