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Die Planetary Health Diet - der Speiseplan für einen gesunden Planeten Interviews

IN FORM sprach mit Dr. Marco Springmann, der als Mitglied der Eat-Lancet-Kommission die Planetary Health Diet mit entwickelt hat, den Ernährungsplan, der die Grenzen der globalen ökologischen Belastbarkeit berücksichtigt.

Portraitfoto Dr. Marco Springmann
Bild: Springmann

Dr. Marco Springmann ist leitender Forscher im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit und Öffentliche Gesundheit an der Oxford Universität. Besonders interessieren ihn die gesundheitlichen, ökonomischen und ökologischen Dimensionen des globalen Ernährungssystems. Er hatte großen Anteil an der Erstellung der EAT-Lancet-Studie.

Aktuellen Prognosen zu Folge werden 2050 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Doch um all diese Menschen gesund ernähren zu können, ist eine grundlegende Änderung unserer Ernährungsweise nötig. Mit dieser globalen Herausforderung hat sich die EAT-Lancet Kommission beschäftigt, eine Kommission bestehend aus 37 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Forschungsbereiche.

Auf Basis umfassender Literaturrecherchen, anerkannter Ernährungsempfehlungen und den Ergebnissen der Gesundheitsforschung ist ein Ernährungsplan entstanden, welcher die Grenzen der globalen ökologischen Belastbarkeit berücksichtigt und zu einer Verbesserung der eigenen Gesundheit führt.

Was verbirgt sich hinter dem Namen Planetary Health Diet? Welche Vorteile bietet sie?

Dr. Marco Springmann: Die meisten Ernährungsempfehlungen beziehen sich bislang nur auf gesundheitliche Aspekte. Die EAT-Lancet Kommission hat darüber hinaus geschaut, wie der globale Speiseplan aussehen sollte, um die ökologischen Belastbarkeitsgrenzen der Erde nicht zu überschreiten. Diese sogenannten planetaren Grenzen beziehen sich auf den Klimawandel, die Landnutzung, die Biodiversität, die Wassernutzung, sowie die Luft- und Wasserverschmutzung. Bezogen auf die von uns empfohlene Ernährungsweise haben wir daraus den Namen Planetary Health Diet abgeleitet. Der Vorteil des planetaren Speiseplans: Wir können innerhalb unseren ökologischen Belastbarkeitsgrenzen bleiben und uns gleichzeitig gesund ernähren.

Die Planetary Health Diet als Resultat von Metaanalysen – wie genau sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorgegangen?

Dr. Marco Springmann: Die EAT-Lancet-Kommission selber hat keine neuen epidemiologischen Primärstudien durchgeführt  , dafür Modellierungsstudien und sich auf Zusammenfassungen, sogenannten Metaanalysen, von bestehenden Gesundheitsstudien gestützt. Die Wissenschaftler der EAT-Lancet Kommission haben sich für alle Lebensmittelgruppen (Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch etc.) solche Metaanalysen angeschaut und analysiert, wie sich der Verzehr der einzelnen Lebensmittelgruppen auf die Lebenserwartung auswirkt. Ein Beispiel: Wir haben anhand der Faktenlage überprüft, welche Auswirkungen der Konsum von roten und verarbeitetem Fleisch auf die Zahl der Todesfälle durch koronare Herzkrankheit und Darmkrebs hat. Auf dieser Basis haben wir dann geschaut, durch welche Lebensmittel Menschen ihr Risiko, an den häufigsten Zivilisationskrankheiten zu sterben, minimieren können.

Ist das Konzept der Planetary Health Diet für die gesamte Weltbevölkerung anwendbar oder richtet es sich primär an die westliche Welt? Wie werden kulturelle und soziale Gegebenheiten berücksichtigt?

Dr. Marco Springmann: Grundsätzlich wurden die Ernährungsgewohnheiten in den verschiedenen Ländern der Erde berücksichtigt. Dafür haben wir für jedes Land eine eigene Analyse durchgeführt. Je nachdem, was überwiegend in dem Land konsumiert wird, sieht die Planetary Health Diet für jedes Land etwas anders aus. Wir haben gezielt Empfehlungen nur für sehr generelle Lebensmittelgruppen ausgesprochen (z.B. Grundnahrungsmittel wie Obst und Gemüse), damit diese universell anwendbar bleiben. Es wurde ebenfalls berücksichtigt, ob in einem Land z.B. mehr Reis als Weizen konsumiert wird oder mehr Schweinefleisch als Rindfleisch. In den westlichen Ländern wird beispielsweise mehr Fleisch gegessen. Hier sind die Veränderungen der Ernährungsweise beim Wechsel zur Planetary Health Diet wesentlich größer als in Entwicklungsländern, in denen eine Ernährung mit wenig Fleisch überwiegt.

Wie sieht ein konkreter Speiseplan nach der Planetary Health Diet aus?

Dr. Marco Springmann: Basierend auf Gesundheitsdaten haben wir die Empfehlung ausgesprochen, dass man pro Tag mind. 5 Portionen Obst und Gemüse, 1-2 Portionen Hülsenfrüchte, 1-2 Portionen Nüsse und Öle mit ungesättigten Fettsäuren konsumieren sollte. Tierische Produkte sollten nur gelegentlich auf dem Speiseplan stehen: rotes Fleisch nicht öfter als einmal pro Woche, Geflügel und Fisch höchstens zweimal. Außerdem sollte man nicht mehr als ein Glas Milch oder die entsprechende Menge Joghurt bzw. Käse konsumieren. Auf der Grundlage dieser Empfehlungen kann sich jeder seinen individuellen Wochen-Speiseplan zusammenstellen. Man kann sich auch ohne gesundheitliche Probleme komplett vegetarisch oder vegan ernähren, denn auch dazu haben wir ausreichend Studien analysiert. Der Grundsatz ist, dass die Ernährung möglichst vollwertig, abwechslungsreich und pflanzenbasiert sein sollte.

Wie berücksichtigt die Planetary Health Diet traditionelle Ernährungsmuster? Eine Änderung der Ernährungsweise fällt vielen Menschen schwer, warum sollte gerade der Umstieg auf die Planetary Health Diet funktionieren?

Dr. Marco Springmann: In der Tat sind viele traditionelle Ernährungsweisen schwer abzulegen, dies ist aber nicht unbedingt etwas Schlechtes. Denn traditionelle Gerichte zeichnen sich besonders durch die Kombination von speziellen Kräutern und Gewürzen aus, und von denen kann man so viel verwenden wie man möchte – natürlich auch in der Planetary Health Diet (PHD). Man kann die PHD wie eine klassische Mediterrane Ernährung, oder eine vegetarische Ernährungsform ansehen und sie so an die eigenen traditionellen Ernährungsmuster anpassen. Wichtig ist nur, die Ernährung so zu gestalten, dass alle Lebensmittelgruppen vorkommen, sodass sie gesund ist und nicht die planetaren Grenzen überschreitet.

Warum sind die Empfehlungen für den Verzehr von Kartoffeln bei der Planetary Health Diet so geringgehalten (zwischen 50-100g täglich)? Woran liegt das, denn Kartoffeln gelten ja eigentlich als recht gesund?

Dr. Marco Springmann: Die Kartoffelempfehlung ist zustande gekommen durch Studien aus den USA, die sich angeschaut haben, welche gesundheitlichen Auswirkungen ein vermehrter Kartoffelkonsum hat. Dort hat man bei Populationen, die große Mengen von normalen weißen Kartoffeln konsumieren, eine Erhöhung von Risikofaktoren festgestellt. Diese Empfehlung bezieht sich aber nur auf die normalen weißen Kartoffeln und ist nicht unbedingt auf Süßkartoffeln und andere Kartoffelsorten. Ein weiterer Aspekt, der berücksichtigt wurde, war, dass gerade in vielen Ländern mit niedrigem Einkommen die Ernährung zu einem großen Teil aus Kartoffeln besteht. Deshalb war es das Bestreben der Kommission, eine sehr variantenreiche Ernährung – etwa mit diversen Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und viel Obst und Gemüse – zu empfehlen.

Wie hat sich das Konzept der Planetary Health Diet in den vergangenen Jahren seit 2019 weiterentwickelt?

Dr. Marco Springmann: Ab Sommer geht die EAT-Lancet-Kommission in ihre zweite Runde. Dann werden wir analysieren, was sich genau in den vergangenen drei Jahren geändert hat und wo wir die Planetary Health Diet anpassen sollten. Was auf jeden Fall sehr wichtig ist, ist die Kommunikation über nationale Ernährungsmuster, welche in der ersten Runde der EAT-Lancet Kommission nicht im Fokus stand.
Analysieren und diskutieren werden wir auch, welche Politik-Instrumente nützlich sein könnten, um Menschen zu befähigen, sich nachhaltig und gesund ernähren zu können. Meistens ernähren wir uns so, wie die Menschen in unserer Umgebung, und essen das, was im Supermarkt verfügbar ist und was in den Restaurants auf der Speisekarte steht. Um hier helfend einzugreifen, braucht es politische Maßnahmen.

Von der Wissenschaft zur Praxis: Welche Ansätze gibt es, das Konzept zu verbreiten? Wer sind dabei potenzielle Partner, die die Umsetzung unterstützen?

Dr. Marco Springmann: Grundsätzlich ist die Umsetzung der Planetary Health Diet (PHD) ohne progressive Intervention durch die Politik nicht möglich. Die Veränderungen des Ernährungssystems müssen politisch reguliert werden, sodass die Umsetzung für die Bürgerinnen und Bürger einfach und erschwinglich ist. Außerdem müssen die entsprechenden Lebensmittel verfügbar sein. Positive Veränderungen sind zum Beispiel bereits im Bereich der Mensen in den Universitäten erkennbar, in denen der Anteil vegetarischer, nachhaltiger Gerichte steigt. Darüber hinaus überarbeiten einige Länder z.B. in Skandinavien derzeit ihre nationalen Ernährungsempfehlungen und berücksichtigen dabei verstärkt auch Nachhaltigkeitsaspekte. Ein weiteres Beispiel ist das deutsche Umweltministerium, das bereits dazu übergegangen ist, bei seinen Events nur noch vegetarische Gerichte anzubieten. Das sind bisher einzelne Initiativen, und es wird weitere politische Unterstützung brauchen, um die Breite der Bevölkerung dabei zu unterstützen, siuch gesund und nachhaltig zu ernähren.

 

Autor: Vincent Aaron Krause, Köln

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